Aktuelle Betrachtungen

Wort an die Gemeinde

Liebe Gemeindeglieder und Interessierte

Da kann man nichts machen!?

Zu meiner ersten Gemeinde gehörte eine Frau, die 1909 geboren war. In Erinnerung geblieben ist sie mir wegen zweier Details. Das eine war ihr Konfirmationsgeschenk: ein Taschentuch! Mehr war in der Inflationszeit nicht möglich. Das andere war ein Satz, den sie immer wieder sagte: da kann man nichts machen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser wie ein Mantra vorgetragene Satz für sie eine Art Lebenshilfe war: zu oft und zu sehr hatte sie in ihrem Leben den Eindruck gehabt, nur Spielball größerer Mächte zu sein und damit auf ihr Leben nur geringen Einfluss zu haben. So bewahrte sie sich vor allzu großen Enttäuschungen, schickte sich in die Gegebenheiten und war trotz allem (oder gerade deshalb?) eine lebenslustige Frau, die irgendwann in hohem Alter verstarb.
Gleichwohl ging mir dieses „da kann man nichts machen“ mit der Zeit auf die Nerven; nicht nur, weil sie es so oft sagte, sondern weil ich innerlich dagegen rebellierte. Es ist doch nicht so, dass man gar nichts machen kann, der Gang der Geschichte ließ sich beeinflussen, die politische Wende hatte es doch gezeigt. Und hatten wir nicht immer mal das Lied gesungen „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, werden das Gesicht der Erde verändern“? Nein, dem Lebensmotto dieser Frau wollte ich nicht zustimmen.
Inzwischen, nach etlichen Jahren, würde ich diesen Satz nach wie vor nicht unterschreiben wollen; allerdings ist mein Blick darauf deutlich differenzierter geworden. Ich habe gelernt, dass selbst dort, wo man etwas machen kann, das ein langer Weg ist, für den man viel Geduld und viele Mitstreiter braucht. Kraft eigener Wassersuppe und mit mal ordentlich auf den Tisch hauen erreicht man in der Regel so gut wie nichts, nicht mal als amerikanischer Präsident. Und wenn man bereit ist, hartnäckig die dicken Bretter zu bohren, lässt sich in der Tat eine Menge erreichen. Aber das ist eben doch nur die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte besagt, dass man oft genug zwar etwas machen kann, aber trotzdem nichts erreicht: weil es an Geduld und Mitstreitern fehlt, weil es ein ungünstiger Moment ist, weil uns die erforderlichen Mittel nicht zur Verfügung stehen oder weil es mächtige Gegenkräfte gibt, die man nicht überwinden kann.
Es scheint aber eine erhebliche Zahl von Menschen zu geben, die das nicht akzeptieren wollen oder können. „Es muss doch gehen“, sagen sie sich, und unternehmen alle möglichen Anstrengungen: um den Wal doch zu retten, den gewalttätigen Ehemann zu besänftigen, den Kriegstreiber von der Verderblichkeit seines Tuns zu überzeugen oder den Mitgliederschwund der großen Kirchen zu stoppen. Dazu sagen „da kann man nichts machen“ wäre für sie eine Kapitulation, wäre ein unerträgliches Eingeständnis.
Zugegeben: wer hier meint, man könne nichts tun, der hat auch keine Lösung parat; er macht die Sache nicht besser. Er erspart sich allenfalls den vergeblichen Kampf mit den Windmühlenflügeln. Besonders ehrenvoll erscheint das nicht. Und so scheint es im Zweifelsfall besser zu sein, aussichtslose Kämpfe zu kämpfen, statt sich seinem Schicksals zu fügen.
Doch dann fällt mir die Geschichte des Jesus von Nazareth ein, der gefangen genommen, in einem Schauprozess verurteilt und schließlich am Kreuz umgebracht wurde. Widerstand hat er keinen geleistet; er hat es über sich ergehen lassen. War er auch der Meinung, dass man da nichts machen könne? Man kann es so sehen. Dann handelte es sich bei ihm halt um einen, der mit einem guten Anliegen am großen Machtgetriebe gescheitert wäre. Die christliche Gemeinde hingegen hat das anders gesehen: gerade indem er es mit sich machen ließ, indem er den Tod auf sich nahm und von Gott zu neuem Leben erweckt wurde, hat er – als scheinbar Unterlegener – den Sieg davongetragen. Seine Gegner von damals sind in der Versenkung der Geschichte verschwunden, und auch der Tod wird am Ende keine Macht über ihn und die Seinen haben, weil er am Ende der Sieger sein wird.
Für manche mag das eine eher verwirrende Geschichte sein. Sollen wir also den Dingen einfach ihren Lauf lassen? Sollen wir uns einfach in unser Schicksal ergeben? Geht mir hier der letzte Mut, etwas zu ändern, verloren? Durchaus nicht! Wir sollen unsere Möglichkeiten nutzen, uns engagieren, Veränderungen zum Besseren anstoßen. Aber wir müssen dabei der Tatsache ins Auge sehen, dass wir dabei an Grenzen stoßen werden: die Grenzen unserer Möglichkeiten oder auch die Grenzen der jeweiligen Umstände. Aber darüber brauchen wir nicht zu verzweifeln, weil dann keineswegs alles verloren ist. Denn es gibt da einen, der dann nicht am Ende ist, weil er der Mächtigere ist. Wer das beherzigt, der hat Gottvertrauen. Und solchen Gottvertrauens wegen wird die Geschichte von Jesus Christus erzählt – bis in unsere Tage.

Ihr Pfarrer Dr. Martin Beyer

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