Aktuelle Betrachtungen

Wort an die Gemeinde

Liebe Gemeindeglieder und Interessierte,

Monatsspruch April: Jesus spricht zu Thomas: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Johannes 20, 29)

Wir Menschen sind ja Augentiere. In einer Farb- und Stilberatung habe ich das mal gehört. Wenn es darum geht, sein Gegenüber wahrzunehmen, Kontakt zu ihm aufzunehmen, dann spielt das, was ich sehe und vor Augen habe, z.B. ob jemand gut gekleidet ist, freundlich guckt oder ein gepflegtes Äußeres hat, oft eine entscheidende Rolle. Auch in Bewerbungsgesprächen ist das so, der erste Eindruck zählt. Gerne überzeugen wir uns mit unseren eigenen Augen von einem Menschen, bevor wir uns auf ihn einlassen, egal, ob es dabei um ein Arbeitsverhältnis geht oder um eine persönliche Beziehung. Und so kann ich auch gut nachvollziehen, dass Thomas, ein Jünger Jesu, der Sache auf den Grund gehen will. Als Jesus nach seiner Auferstehung nochmal bei den Jüngern erscheint, gibt sich Thomas nicht mit dem Hörensagen zufrieden. Er will es genau wissen, ob der Mann da vor ihm auch tatsächlich der auferstandene Christus ist. Er will ihn anfassen, seine Wundmale berühren, ihn mit eigenen Augen sehen.

Wie passt das heute zusammen mit dem Glauben an einen Gott, den ich nicht sehen oder mit den Händen greifen kann? Für mich ist das kein Widerspruch. Denn Gott lässt uns ganz viel schauen, was auf IHN hinweist. Das ist im Frühjahr vor allem die erwachende Natur, die Knospen, die zu sprießen beginnen, die ersten grünen Blätter an den Bäumen, die Frühlingsblütler in weiß, gelb und blau, die jetzt einige Beete in meiner Umgebung bedecken und keck aus den Wiesen ins Auge stechen. Eine Augenweide. Neues Leben, das im Werden und Wachsen seinen Lauf nimmt. Das sind alles Zeichen seiner Liebe und Güte, die ER uns schenkt und die wir mit allen Sinnen wahrnehmen dürfen.

Andererseits erleben wir aber auch, dass unsere Augen uns manchmal täuschen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, wie es in einem bekannten Sprichwort heißt. Das Äußere ist manchmal trügerisch, und manches bleibt unseren Augen auch verborgen. Und deshalb ist es gut, wenn unsere Augen nicht das einzige sind, auf die wir eine Überzeugung aufbauen. So wie in einer Paarbeziehung immer auch das Herz sprechen muss, damit wir uns auf einen Menschen dauerhaft einlassen, uns in seiner Nähe wohlfühlen und die Beziehung tragfähig wird. Nicht umsonst gibt der Fuchs im Buch „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry dem Prinzen diese Lebensweisheit mit auf den Weg: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Nur mit dem Herzen erkennen wir, ob jemand es gut mit uns meint, erkennen wir das wahre Wesen eines Menschen.

So ist es auch mit dem Glauben. Erst, wenn wir anfangen, Gottes Worten zu vertrauen und danach zu leben, können wir tiefe Glaubenserfahrungen machen und die unsichtbare Wirklichkeit Gottes erkennen.

Ich wünsche uns, dass wir mit offenen Augen durch diese Welt gehen, gerade jetzt in der erwachenden Natur, vielleicht beim Osterspaziergang und dabei unser Herz öffnen, damit wir in dem, was wir sehen, die Zeichen seiner Liebe und Güte erkennen.

Christine Löwe, Prädikantin in der Kirchgemeinde Klingenberg-Kreischa

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