Aktuelle Betrachtungen

Wort an die Gemeinde

Liebe Gemeindeglieder und Interessierte,

September ist der Monat der Erntedankfeste: selbst Kirchen, in denen nur noch selten Gottesdienste stattfinden, werden liebevoll geschmückt. Zwar überwiegen vielerorts inzwischen Blumenkränze und -gestecke die traditionellen Erntegaben, das Fest selbst ist aber nach wie vor für viele ein fester Termin in ihrem Kalender. Daran hat auch der Umstand, dass nur noch ein verschwindend geringer Teil der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist und dass es für das Bruttoinlandsprodukt keinen großen Unterschied macht, ob die Ernte nun gut oder schlecht ausfällt, nichts geändert.

Vielleicht liegt es daran, dass – allem technischen Fortschritt zum Trotz – wir hier etwas Geheimnisvollem begegnen, auf das wir nur wenig Einfluss haben. Matthias Claudius hat das in die berühmten Worte gekleidet: Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand. Deswegen ist Landwirtschaft aber noch kein Lotto-Spiel: wo Weizen gesät wurde, wird auch Weizen zu ernten sein, allenfalls die Menge ist ungewiss. Alles andere wäre höchst verwunderlich – abgesehen vielleicht vom Unkraut: das wächst auch, ohne dass wir es eigens gesät hätten.

Und das gilt ja nicht nur im buchstäblichen Sinn in der Landwirtschaft, sondern auch im übertragenen Sinne. Und so ermahnt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Gemeinden in Galatien: was der Mensch sät, das wird er ernten. Also: wo ich Misstrauen, Zwietracht oder gar Hass verbreite, kann ich nicht erwarten, dass Eintracht, Harmonie, Frieden und Freundschaft gedeihen. Wo ich meine, alle Kontrahenten oder gar Feinde aus dem Felde räumen zu müssen, wird (falls es denn tatsächlich gelingt, was eher unwahrscheinlich ist) eben nicht das Goldene Zeitalter ausbrechen, sondern eben die Saat der Feindschaft und Vernichtung aufgehen.

Deshalb setzt Paulus seiner Ermahnung auch diesen Satz vor: Gott lässt sich nicht spotten! Damit meint er nicht irgendwelche mehr oder weniger geschmackvollen Witze, sondern ein Handeln, das nicht nach Gott fragt, das seinem Willen spottet. Wer das tut, braucht sich nicht zu wundern, wenn dann eine verhängnisvolle Saat aufgeht. Und leider Gottes wird in dieser Hinsicht gegenwärtig sehr reichlich ausgesät: nicht nur in den internationalen Konflikten oder Handelsbeziehungen, auch in der Innenpolitik oder dem gesellschaftlichen Miteinander: wie soll etwas Gedeihliches entstehen, wenn andere nur niedergemacht werden, wenn der größte Triumph darin besteht, einen anderen zum Schweigen gebracht zu haben?

Allerdings stimmt dieses „was der Mensch sät, das wird er auch ernten“ nicht immer. Manchmal sind wir darüber erschrocken oder entsetzt: eine lustig gemeinte Bemerkung wird als grobe Verletzung empfunden; etwas, das gut gemeint war, geht völlig schief und bewirkt eher das Gegenteil. Aber zum Glück gibt es auch positive Überraschungen: eine kleine Geste, bei der wir uns gar nichts weiter gedacht hatten, erweist sich als positiver Volltreffer. Oder man meint, doch einfach nur seine Pflicht und Schuldigkeit getan zu haben, aber erfährt dafür große Dankbarkeit, weil es für den anderen viel bedeutsamer war als für einen selbst.

In einem Gedichtband habe ich einmal die Zeile gelesen „es ist zum Glück nicht alles aufgegangen, was ich gesät habe“. Oftmals ist das ja enttäuschend, weil ich mir davon ja etwas versprochen habe. Aber es kann natürlich auch umgekehrt gehen: dass ich ganz froh darüber sein kann, wenn eine – vielleicht unbedachte – Saat, die keinen Segen bewirkt hätte, zum Glück keine Früchte trägt.

Aber es gibt eben auch die Fälle, wo mir etwas wie eine reife Frucht in den Schoß fällt, wo ich ernten darf, ohne dass ich hätte säen müssen oder wo eine Saat zum Guten aufgeht, die ich überhaupt nicht im Blick hatte. Was davon jeweils zutrifft, steht oft genug nicht in meiner Hand. Es ist etwas, dass ich nur der Güte Gottes anbefehlen kann. Und da sind wir wieder ganz nahe am Erntedankfest.

Ich habe keine Felder oder Beete bewirtschaftet, ausgesät habe ich gleichwohl. Manches ist gereift, anderes in Ansätzen stecken geblieben. Und dann gibt es manch unerwartete Frucht, über die ich entweder erfreut bin oder erschrecke. Erntedank ist eine Gelegenheit, mir das vor Augen zu führen, Gott zu danken für all das, was er hat an Gutem reifen lassen und wo er verhindert hat, dass böse Saat aufgegangen ist. Und dass er mich immer wieder mit Segen beschenkt, an den ich überhaupt nicht gedacht hatte.

Feiern auch Sie in diesem Sinne ein ganz persönliches Erntedankfest!

Ihr Pfarrer Dr. Martin Beyer

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